- Aktenzeichen
- FG-002
- Ort
- Wien, Österreich-Ungarn
- Jahr
- 1913
- Dauer
- 9:27
- Quellen
- 26, davon 8 primär
Oberst Redl und die postlagernden Briefe
Wien, Mai 1913: Am Postamt Fleischmarkt warten Agenten wochenlang darauf, dass jemand einen Brief abholt. Der Mann, der schließlich kommt, ist ausgerechnet jener Offizier, der jahrelang selbst Spione gejagt hat.
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Mitschrift · FG-002
Der Fall zum Nachlesen
Kaltstart
Im Frühjahr 1913 lag im Wiener Hauptpostamt ein Brief, den niemand abholte. Adressiert an einen Decknamen, postlagernd, darin Geld in Banknoten.1,2,3
Wochen später holte jemand am selben Schalter einen Brief ab, der dort als Köder lag. Die Beamten, die dahinter warteten, ahnten nicht, wen sie gefangen hatten: ausgerechnet einen Mann, der jahrelang selbst Spione gejagt hatte.1,4,5,6
Wien 1913
Wien, Hauptstadt einer Großmacht, die ihren Nachbarn misstraute. Vor dem Ersten Weltkrieg herrschte in Österreich-Ungarn eine regelrechte Spionagefurcht. Nach den Erinnerungen des Offiziers Max Ronge stieg die Zahl der Ermittlungen wegen Spionage von rund dreihundert im Jahr 1905 auf rund sechstausend im Jahr 1913.7
Zuständig war das Evidenzbureau, der militärische Nachrichtendienst des Generalstabs. Anfang 1913 arbeitete es enger mit dem deutschen Gegenstück zusammen, der Abteilung drei b in Berlin, die seit kurzem Walter Nicolai leitete. Aus dieser Zusammenarbeit, so der Historiker Hannes Leidinger, entstand schließlich die Spur.7,8
Der Mann im Evidenzbureau
Alfred Redl, geboren 1864 in Lemberg, hatte nach Kadettenschule und Kriegsschule den Weg in den Generalstab geschafft. Um 1900 kam er ins Evidenzbureau, zunächst in die Gruppe, die Russland beobachtete.1,9,10,7 Ab 1907 leitete er die Kundschaftsstelle, zuständig für Spionage und für die Abwehr fremder Spione, und war zeitweise stellvertretender Leiter des ganzen Büros.1,11
Er galt als Fachmann, trat in Spionageprozessen als Sachverständiger auf. Oft liest man, er habe selbst moderne Methoden eingeführt, versteckte Kameras etwa oder heimlich abgenommene Fingerabdrücke. Belegt ist das nicht; die Beschreibung stammt vor allem aus einem Buch von 1924.6,12,13
Im Mai 1912 wurde Redl Oberst, im Oktober Generalstabschef des Achten Korps in Prag.1,11,10 Seiner Umgebung fiel ein Lebensstil auf, der zum Offiziersgehalt nicht passte: Automobile, teure Pferde, Grundbesitz. Redl sprach von einer Erbschaft. Später fand man davon nur einen kleinen Anteil, dazu erhebliche Schulden.6,13,11
Denn Redl verkaufte militärische Geheimnisse, vor allem an Russland, daneben wohl auch an Italien und Frankreich. Wann das begann, ist umstritten; heutige Darstellungen setzen einige Jahre vor 1912 an. Das Motiv war nach der Historikerin Verena Moritz „banal: es ging um Geld“.14,15,1,16,17
Die Falle
Wie die Spur entstand, ist in zwei Fassungen überliefert. Nach der einen lag im Frühjahr 1913 ein postlagernder Geldbrief an den Decknamen „Nikon Nizetas“ unabgeholt in Wien. Nach Ablauf der Frist ging er nach Deutschland zurück, wurde geöffnet und enthielt sechstausend Kronen und Adressen, die als Spionageadressen bekannt waren.1,18,2,3
Der Journalist Egon Erwin Kisch erzählte es später anders: Zwei Briefe unter dem Kennwort „Opernball dreizehn“ seien schon im März in Wien geöffnet worden. Seine Fassung gilt als weniger verlässlich; die Rolle des deutschen Dienstes etwa lässt er ganz weg.13
Nach Ronges eigener Darstellung verständigte Nicolai das Evidenzbureau, und in Berlin wurde ein neuer Brief aufgegeben: ein Köder für denjenigen, der ihn abholen würde.1,4
Die Militärbehörde ließ das Postamt überwachen. Geheimagenten bekamen im Gebäude ein eigenes Zimmer, verbunden mit einer elektrischen Klingel am Schalter für postlagernde Sendungen. Sobald jemand nach dem Brief fragte, sollte es läuten.5,13
Etwa sechs Wochen lang läutete es nicht.5
Am Samstag, dem 24. Mai 1913, war Redl frühmorgens mit Chauffeur und Diener im eigenen Auto von Prag nach Wien gefahren.19,6 Gegen sechs Uhr abends holte ein Herr in Zivil am überwachten Schalter die Sendung ab. Manche Darstellungen nennen den 25. Mai; das ist falsch.5,6,2,3
Die Agenten griffen nicht sofort zu, denn sie hielten den Abholer für einen Mittelsmann. Er stieg in ein Mietauto, einen zweiten Wagen für die Verfolgung hatten sie nicht. Sie notierten die Nummer.5,13
Die Nacht im Hotel Klomser
Laut der amtlichen Darstellung von 1913 fanden sie den Wagen wieder, und darin das Etui eines Taschenmessers. Sie ermittelten, wohin der Fahrgast gebracht worden war, und ließen den Portier dort nachfragen, ob das Etui ihm gehöre. Der Gast bejahte. Es war Oberst Redl.5,13
Redl wohnte, wie so oft in Wien, im Hotel Klomser in der Herrengasse.20,9,12 Am Abend aß er mit einem Bekannten, dem Generaladvokaten Pollak. Redl wirkte aufgelöst und sagte, er habe etwas Schreckliches getan. Pollak verständigte gegen zehn Uhr die Polizei.6,5
Um dieselbe Zeit ordnete Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf an, eine Kommission solle Redls Schuld feststellen und ihn festnehmen. Gegen halb eins in der Nacht standen die Offiziere im Hotel.6,11
Redl empfing sie mit den Worten: „Ich weiß, weshalb die Herren kommen.“ Er gestand die Spionage und bestritt, Komplizen zu haben.6,13,2,1
Vor Gericht kam er nicht. Nach der späteren Darstellung eines der Beteiligten legte man ihm nahe, sich das Leben zu nehmen, ließ ihn allein und das Hotel bewachen. In dieser Nacht nahm sich Alfred Redl in seinem Zimmer das Leben.1,16,12,21,22,6 Nach der Neuen Deutschen Biographie verlangte Conrad den Suizid, um die Ehre der Armee zu wahren.10,21
Was danach kam
Zunächst sollte nichts nach außen dringen. Amtlich hieß es, Redl habe unter Überarbeitung und Schlaflosigkeit gelitten.19,13,1 Doch schon am 26. Mai meldete die Prager Zeitung Bohemia, in Prag sei Redls Arbeitszimmer durchsucht worden, ein Schlosser habe den Schreibtisch öffnen müssen.19 Am Morgen darauf druckte sie ein Dementi, am Abend schrieb sie, es verlaute „immer deutlicher“, dass eine Spionageaffäre dahinterstehe.23,24
Kisch erzählte später, er habe davon erfahren, weil ein Schlosser aus seiner Fußballmannschaft ein Spiel versäumt habe. Das ist eine Legende: Die Spielnotiz, die er zitiert, gibt es nicht.25,1,13,26
Ende Mai bestätigte das Kriegsministerium den Verrat, am 29. Mai kam die erste Anfrage im Parlament.22,1 Am 5. Juni räumte Minister Georgi ein, Redl habe Mobilisierungsanweisungen an fremde Agenten verkauft. Dass man Redl in den Tod gedrängt habe, bestritt er.6
In ihrer Darstellung vom Juni 1913 erklärte die Heeresverwaltung zudem, Redls Homosexualität habe ihn erpressbar gemacht.5,12 Die Historiker Moritz und Leidinger fanden in russischen Archiven dafür keinen Beleg. Die Erpressung war eine Erklärung der Armee, kein Ermittlungsergebnis.25,15,1
Nachklang
Wie groß der Schaden war, lässt sich heute genauer sagen als damals. Redl hatte Zugang zu Mobilisierungsvorschriften für einen Krieg gegen Russland und Italien und zur Aufstellung der Truppen auf dem Balkan.7 Die verbreitete Behauptung, sein Verrat habe die Niederlagen von 1914 verursacht, hält nach heutigem Forschungsstand nicht: Die Pläne waren bis dahin geändert worden.7,15
Für die Spionageabwehr wurde der Fall zum Lehrstück. Im Mai 1914 beschloss eine Konferenz unter Max Ronge eine zentrale Stelle, die militärische und polizeiliche Abwehr enger verband.7 Gelöst wurde der Fall durch Überwachung und Geduld: rund sechs Wochen Warten auf ein Läuten.5
Quellen
Die hochgestellten Zahlen in der Mitschrift verweisen auf diese Liste. Englische Zitate haben wir übersetzt.
- 1 Alfred Redl (deutschsprachige Wikipedia) NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 2 Hellin Sapinski: Alfred Redl (Essay, urspr. Die Presse) PresseAustria-Forum / Die Presse, 2013-05-24
- 3 Wer war der Offizier, der für Österreichs größten Spionageskandal sorgte? PresseDer Standard, 2023-05-19
- 4 Maximilian Ronge (englischsprachige Wikipedia) NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 5 Bohemia (Prag), Abend-Ausgabe Nr. 153, S. 7: „Die Spionageaffäre Redl. Die Darstellung der ‚Militärischen Rundschau‘“ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR (Nachdruck der amtlichen Darstellung), 1913-06-06
- 6 Bohemia (Prag), Abend-Ausgabe Nr. 152, S. 1–2: „Georgi über den Fall Redl. Interpellationsbeantwortung im Abgeordnetenhaus“ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR (Wortlaut der Ministerrede), 1913-06-05
- 7 Hannes Leidinger: The Case of Alfred Redl and the Situation of Austro-Hungarian Military Intelligence on the Eve of World War I, in: Contemporary Austrian Studies 23 (2014), S. 35–52 (Open-Access-PDF des Bandes) Sekundärliteraturinnsbruck university press / UNO Press, 2014
- 8 Walter Nicolai (englischsprachige Wikipedia) NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 9 Alfred Redl (Wien Geschichte Wiki) NachschlagewerkStadt Wien / Wiener Stadt- und Landesarchiv, 2026
- 10 Manfried Rauchensteiner: Redl, Alfred, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003) NachschlagewerkHistorische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 2003
- 11 Oberst Redl (Österreichisches Staatsarchiv, Online-Ausstellung oe99) NachschlagewerkÖsterreichisches Staatsarchiv, o. J.
- 12 Bohemia (Prag), Morgen-Ausgabe Nr. 146, S. 2: Entlassung aus dem Heeresverband, Version der ‚Zeit‘, ‚Die letzten Stunden‘ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR, 1913-05-30
- 13 Egon Erwin Kisch: Der Fall des Generalstabschefs Redl (Berlin: Die Schmiede, 1924), Project-Gutenberg-Ausgabe PresseProject Gutenberg (eBook #63991), 1924
- 14 Verena Moritz / Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten (Verlagsseite) SekundärliteraturResidenz Verlag, 2012
- 15 Oberst Redl – Der Spionagefall (Ö1-Beitrag zu Moritz/Leidinger) PresseORF Ö1, 2017-04-08
- 16 Alfred Redl: Enttarnung vor dem Ersten Weltkrieg NachschlagewerkDeutsches Spionagemuseum Berlin, o. J.
- 17 Bohemia (Prag), Morgen-Ausgabe, S. 7: „Zur Vorgeschichte der Verhaftung Redls“ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR, 1913-06-02
- 18 Alan Sked: A Patriot for Whom? Colonel Redl and a Question of Identity, History Today 36/7 (1986), S. 9–14 (Katalogeintrag) SekundärliteraturLSE Research Online, 1986
- 19 Bohemia (Prag), Abend-Ausgabe Nr. 142, S. 2: „Der Selbstmord des Generalstabschefs Redl“ PrimärquelleBohemia / Digitalisat Národní knihovna ČR (Kramerius, OCR), 1913-05-26
- 20 Klomser Hotel (Wien Geschichte Wiki) NachschlagewerkStadt Wien / Wiener Stadt- und Landesarchiv, 2026
- 21 Redl, Alfred (1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War) NachschlagewerkFU Berlin / 1914-1918-online, o. J.
- 22 Bohemia (Prag), Abend-Ausgabe Nr. 145, S. 1: Amtliche Bestätigung, Interpellation Neumann, militärgerichtliche Untersuchung PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR, 1913-05-29
- 23 Bohemia (Prag), Morgen-Ausgabe Nr. 143, S. 5: „Falsche Gerüchte“ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR, 1913-05-27
- 24 Bohemia (Prag), Abend-Ausgabe Nr. 143, S. 2: „Der Selbstmord des Generalstabschefs Redl“ PrimärquelleBohemia / Kramerius NK ČR, 1913-05-27
- 25 Erhard Schütz: Kischs Karrierestart – Der Spion des Zaren PresseDer Tagesspiegel, 2013-05-27
- 26 Col. Alfred Redl – Egon Kisch didn't break the story (Website zu E. Adams, ‚A Journalist for Me‘) SekundärliteraturElizabeth Adams (Selbstverlag), o. J.
Hinweise
- Die Erzählstimme ist KI-generiert. Recherche, Skript und Abnahme verantwortet die Redaktion von Landmarke Horizont.
- Alle Beteiligten sind seit Jahrzehnten verstorben. Den Namen des jungen Offiziers, mit dem Redl liiert war, nennen wir nicht.
- Die Bilder sind Standbilder aus dem Video: Karten, Daten, Zitate und Notizen, keine Nachstellungen. Karten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), heutiger Stand.
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Landmarke Horizont (2026): Oberst Redl und die postlagernden Briefe. Fall gelöst, Folge 2 (FG-002). https://landmarke-horizont.de/fall-geloest/1913-redl/