- Aktenzeichen
- FG-001
- Ort
- Deptford, London
- Jahr
- 1905
- Dauer
- 11:23
- Quellen
- 19, davon 5 primär
Der Daumen auf der Geldkassette
London, 1905: Zwei Menschen sterben in einem Farbengeschäft, und die Zeugen am Laden erkennen die Verdächtigen nicht wieder. Übrig bleibt ein Abdruck auf einer Blechschale, und zum ersten Mal muss eine englische Jury in einem Mordprozess entscheiden, ob ein Fingerabdruck als Beweis taugt.
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Mitschrift · FG-001
Der Fall zum Nachlesen
Kaltstart
Im Frühjahr 1905 lag in Scotland Yard eine kleine Blechschale mit einem Fleck, den man kaum sehen konnte. Kein Blut, nur Schweiß: der Abdruck eines Daumens.1,2
Zwei Menschen waren tot, und die Zeugen, die die Täter am Laden gesehen hatten, erkannten die Verdächtigen nicht wieder.1,3 Ob dieser Fleck genügen durfte, darüber musste in England zum ersten Mal eine Jury in einem Mordprozess entscheiden.4,5
Ort und Zeit
Deptford liegt im Südosten Londons, an der Themse. Die königliche Werft, die hier Kriegsschiffe gebaut hatte, war 1869 geschlossen worden. Auf ihrem Gelände lag nun ein Viehmarkt, über den etwa die Hälfte des Londoner Fleischs lief.6,2 Die High Street war eine belebte Einkaufsstraße; der Sozialforscher Charles Booth nannte sie 1899 die „Oxford Street des Londoner Südostens“. Gleich daneben lebten viele Menschen in großer Armut, in billigen Logierhäusern.7,1
Im Haus Nummer 34 verkaufte ein Farbenhändler Öle, Lacke und Farben, eine Filiale des Händlers George Chapman aus dem benachbarten Greenwich.1,7 Geleitet wurde sie von Thomas Farrow, etwa siebzig Jahre alt. Seit vierundzwanzig Jahren arbeitete er für die Familie Chapman, seit drei Jahren führte er diesen Laden.1,4,8 Mit seiner Frau Ann wohnte er über dem Geschäft. Zusammen mit einem einzigen Gehilfen, William Jones, hielten die beiden den Laden am Laufen.1,4
Geöffnet war von acht Uhr morgens bis halb zehn am Abend, doch Maler und Anstreicher klopften oft schon früher.1 Ein Nachbar erinnerte sich, dass Farrow morgens gegen sieben im weißen Kittel mit seiner Pfeife in der Tür stand.1 Und nach Aussage seines Arbeitgebers übergab er jeden Montag die Einnahmen der Woche, Ende März rund zwölf bis dreizehn Pfund.1
Das Geschehen
Am Montag, dem 27. März 1905, kurz nach sieben Uhr morgens, betraten zwei Männer den Laden. Spuren eines Einbruchs fand man später nicht. Die Anklage ging davon aus, dass Farrow ihnen selbst die Tür geöffnet hatte.1,4
Gegen Viertel nach sieben kamen ein Milchmann und sein elfjähriger Gehilfe vorbei. Sie sahen zwei Männer aus dem Laden kommen: einer im blauen Anzug mit steifem Hut, der andere im braunen Anzug mit Mütze. Der Junge rief ihnen nach, sie hätten die Tür offen gelassen. Die Antwort, übersetzt: „Schon gut, das macht nichts.“1,4,9
Wenige Minuten später bemerkten ein Maler und eine Passantin Thomas Farrow in der Ladentür. Er war verletzt und wirkte benommen, dann schloss er die Tür wieder. Niemand holte Hilfe.1,2
Etwa zur selben Zeit sah eine Frau namens Ellen Stanton auf dem Weg zum Zug zwei Männer in Richtung New Cross Road rennen. Einen von ihnen kannte sie vom Sehen: Alfred Stratton.1,4,10
Um halb neun kam William Jones zur Arbeit und fand die Tür verschlossen. Mit einem Kollegen aus der Greenwicher Filiale stieg er über das Nachbarhaus ein.1,4,8 Im Wohnraum hinter dem Laden lag Thomas Farrow; er war mit stumpfer Gewalt getötet worden. Oben im Schlafzimmer fanden sie Ann Farrow, schwer am Kopf verletzt und bewusstlos.1,4 Sie wurde ins Seamen's Hospital gebracht und starb dort am 31. März, ohne noch einmal aufzuwachen.1,4,8
Im Wohnraum lagen Masken, aus schwarzen Strümpfen geschnitten, mit Löchern für die Augen. Die Zeitungen sprachen bald vom „Maskenmord“.1,2,4,11 Im Schlafzimmer lag eine aufgebrochene, leere Geldkassette auf dem Boden, ihr Einsatz daneben. Bargeld in einer Rocktasche und Schmuck hatten die Täter nicht angerührt.1,2,4
Die Ermittlung
Gegen halb zwölf trafen Assistant Commissioner Melville Macnaghten und Chief Inspector Frederick Fox von Scotland Yard ein.1,2 Ein Sergeant hatte Kassette und Einsatz vorher angehoben, dabei aber, wie er aussagte, Papier zwischen Finger und Blech gelegt. Wer die Kassette wann berührt hat, darüber gehen die Angaben allerdings auseinander.1,2,4
Macnaghten bemerkte auf der Innenseite des Einsatzes einen Abdruck. Kassette und Einsatz wurden in Papier gewickelt und noch am selben Abend zu Inspector Charles Collins gebracht, in die Fingerabdruck-Abteilung von Scotland Yard.1,2,4
Diese Abteilung war erst vier Jahre alt. Die Idee reichte weiter zurück: 1880 hatte der schottische Arzt Henry Faulds in der Zeitschrift Nature vorgeschlagen, Täter anhand ihrer Fingerabdrücke am Tatort zu identifizieren.5,12,13 In Britisch-Indien entwickelte Edward Henry mit den indischen Polizeibeamten Azizul Haque und Hem Chandra Bose ein System, mit dem sich Abdrücke ordnen und wiederfinden ließen.5,2 1901 kam Henry nach Scotland Yard, und am 1. Juli 1901 wurde dort das Fingerprint Bureau gegründet, zunächst vor allem, um Vorbestrafte wiederzuerkennen.5,14,4,8
Ein Jahr später gelang Collins der erste Erfolg an einem Tatort. Ein Einbrecher namens Harry Jackson hatte in einem Haus in Denmark Hill Billardkugeln gestohlen und seinen Daumen auf einem frisch gestrichenen Fensterrahmen hinterlassen. Jackson wurde im September 1902 zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.15,16,8 Aber ein Einbruch ist kein Mord. In einem englischen Mordprozess hatte ein Fingerabdruck noch nie im Zentrum der Beweise gestanden.4,5
Collins untersuchte den Abdruck. Er war durch Schweiß entstanden, nicht durch Blut, wie später oft zu lesen war.1,2,4 Er ließ ihn fotografieren und etwa dreizehnfach vergrößern. Dann schloss er aus: Der Abdruck stammte weder von Thomas noch von Ann Farrow und auch nicht von den Polizisten, die mit der Kassette zu tun gehabt hatten.1,2,4 In der Sammlung von Scotland Yard, damals achtzig- bis neunzigtausend Sätze Fingerabdrücke, fand sich kein Treffer.1,11
Also führte die Spur zunächst über Menschen. Die Zeitungen druckten die Beschreibung der beiden Männer, die der Milchmann und der Junge gesehen hatten.1,17 In der Brookmill Road in Deptford lasen das zwei Frauen, die Alfred Stratton kannten: seine Freundin Hannah Cromarty und eine Nachbarin.1,4
Alfred Stratton war zweiundzwanzig, sein Bruder Albert zwanzig. Beide hatten weder feste Arbeit noch einen festen Wohnsitz; Albert war einige Monate zuvor aus der Royal Navy entlassen worden.1,4 Hannah Cromarty, die ein Kind von Alfred erwartete, berichtete: In der Nacht zum Montag habe draußen jemand auf Alfred gewartet. Nach dem Mord habe er einen braunen Mantel verschenkt, braune Stiefel schwarz gefärbt und sie gebeten, ihm ein Alibi zu geben.1,4 Vor Gericht schwächte sie manches davon wieder ab.1
Andere Zeugen hatten die Brüder in jener Nacht auf der Straße gesehen, darunter ein Berufsboxer, der sie gegen halb drei an der Ecke zur Regent Street traf, nicht weit vom Laden.1,4,10
Am Abend des 2. April wurde Alfred Stratton in einem Pub namens King of Prussia festgenommen, Albert am nächsten Morgen auf der High Street.1,2,4,8 Doch bei der Gegenüberstellung erkannten weder der Milchmann noch sein Gehilfe die Brüder wieder. Der Junge sagte sogar, keiner der beiden sei es gewesen.1,3 Der Richter nannte das später das stärkste Argument der Verteidigung.3
Durchbruch und Urteil
Nach der Festnahme nahm Collins den Brüdern die Fingerabdrücke ab und verglich. Der Abdruck auf dem Einsatz stammte vom rechten Daumen Alfred Strattons, des älteren Bruders.1,2,4,5 Macnaghten erinnerte sich Jahre später an Collins' Ausruf, sinngemäß: „Guter Gott, Sir, der Abdruck stimmt genau überein.“2
Die Polizei fand noch mehr. Hannah Cromarty zeigte den Beamten eine Stelle am Wasserwerk am Flüsschen Ravensbourne, wo Alfred nach vergrabenem Geld gesucht hatte. Dort gruben sie einen schwarzen Stofffetzen aus, darin zwei Goldmünzen und eine Silbermünze.1,4
Am 5. und 6. Mai 1905 standen die Brüder vor dem Zentralen Strafgericht in London, dem Old Bailey. Den Vorsitz hatte Richter Arthur Channell; die Anklage rief mehr als vierzig Zeugen auf.1,3,4,8
Im Mittelpunkt stand Collins' Aussage. Er erklärte der Jury, wie Fingerabdrücke klassifiziert werden, und zeigte eine vergrößerte Tafel, auf der er elf übereinstimmende Merkmale rot markiert hatte.1,11,5 Bei Abdrücken verschiedener Finger, sagte er, habe er nie mehr als drei Übereinstimmungen gefunden.1,11,5 Um zu zeigen, wie der Druck die Form verändert, nahm man im Saal die Daumenabdrücke eines Geschworenen: einmal leicht, einmal fest aufgedrückt.1
Die Verteidigung setzte einen eigenen Sachverständigen dagegen: Dr. John George Garson, der früher für das Innenministerium das Erkennungswesen mit aufgebaut hatte. Der Abdruck, sagte er, stamme nicht von Alfreds rechtem Daumen.1,2,4,9 Dann legte Ankläger Richard Muir zwei Briefe vor, die Garson am selben Tag geschrieben hatte: einen an die Verteidigung und einen an die Anklagebehörde, der er ebenfalls seine Aussage anbot.1,3,4 Laut einem Zeitungsbericht nannte der Richter ihn danach einen völlig unzuverlässigen Zeugen.3,4
Richter Channell mahnte die Jury dennoch zur Vorsicht. Er erinnerte daran, dass die Zeugen am Laden die Brüder nicht erkannt hatten, und nannte den Abdruck einen bestätigenden Beweis, auf den sie sich nicht allein stützen solle.3,8
Am Abend des 6. Mai zog sich die Jury zurück. Nach knapp zwei Stunden sprach sie beide Brüder schuldig; beide wurden zum Tod verurteilt.1,18,3,4,8 Am 23. Mai 1905 wurden Alfred und Albert Stratton im Gefängnis Wandsworth hingerichtet.4,8,11,10
Nachklang
Die Verurteilung stützte sich nicht allein auf den Daumenabdruck. Da waren die Zeugin, die Alfred rennen sah, die Aussagen aus der Brookmill Road und das vergrabene Geld.1,4 Aber der Abdruck lieferte, was keine Gegenüberstellung liefern konnte. Und er hielt dem Angriff der Verteidigung stand.2,4
Der Fall gilt als erster Mordprozess in England, in dem ein Fingerabdruck ein zentrales Beweismittel war. In anderen Ländern hatte es solche Fälle schon früher gegeben, etwa in Argentinien und in Indien.4,11,5
Für die junge Fingerabdruck-Abteilung war das der Durchbruch. Macnaghten schrieb später, der Prozess habe dem System einen wahrhaft sensationellen Auftrieb gegeben.2,4 Die Aussagen der Zeugen und die Akte zum Todesurteil liegen bis heute im britischen Nationalarchiv in Kew.19,18
Quellen
Die hochgestellten Zahlen in der Mitschrift verweisen auf diese Liste. Englische Zitate haben wir übersetzt.
- 1 Trial of Alfred Stratton (22) and Albert Ernest Stratton (20), Killing: murder (t19050502-415) PrimärquelleOld Bailey Proceedings Online (Central Criminal Court Sessions Papers), 1905-05
- 2 Sir Melville L. Macnaghten: Days of My Years, Kap. XIV 'Finger-Prints in General, and the Deptford Murder Case in Particular' (S. 144–156) PrimärquelleEdward Arnold, London (Digitalisat Internet Archive), 1914
- 3 The Times: Bericht über den Prozess / Summing-up von Mr Justice Channell (Transkription auf der Wikipedia-Diskussionsseite) PresseThe Times (London), transkribiert von Wikipedia-Nutzern, 1905-05
- 4 Stratton Brothers case NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 5 Jeffery G. Barnes: History (Kapitel 1), in: The Fingerprint Sourcebook SekundärliteraturU.S. Department of Justice, National Institute of Justice, 2011
- 6 Deptford NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 7 Deptford High Street NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 8 The Stratton Brothers – The UK's First Murder Case Solved by a Fingerprint SekundärliteraturCapital Punishment UK (Richard Clark)
- 9 In 1905, Fingerprints Pointed to Murder for the First Time in London SekundärliteraturMental Floss, 2017
- 10 The Deptford Murder: First Murder Conviction Using Fingerprints 1905 SekundärliteraturCrimes Through Time
- 11 Stratton brothers and the 1905 Deptford murders: Britain's first fingerprint conviction Sekundärliteraturdeptford.org
- 12 Gavan Tredoux: Henry Faulds – the Invention of a Fingerprinter Sekundärliteraturgalton.org
- 13 Henry Faulds NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 14 Edward Henry NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 15 Trial of Harry Jackson (42), Theft: burglary (t19020909-686) PrimärquelleOld Bailey Proceedings Online, 1902-09
- 16 Harry Jackson (criminal) NachschlagewerkWikipedia, 2026
- 17 Morning Leader / Lloyd's Weekly News: veröffentlichte Täterbeschreibung ('Man No. 1 … Man No. 2') PresseMorning Leader; Lloyd's Weekly News (zitiert in S1), 1905-03
- 18 HO 144/788/128907 – Criminal: Stratton, Albert E.; Stratton, Alfred; Court: Central Criminal; Offence: Murder; Sentence: Death PrimärquelleThe National Archives (Kew), Home Office: Registered Papers, 1905-05-06
- 19 CRIM 1/98/5 – Defendant: STRATTON, Albert Ernest; STRATTON, Alfred. Charge: Murder. Session: May 1905 PrimärquelleThe National Archives (Kew), Central Criminal Court: Depositions, 1905-05
Hinweise
- Die Erzählstimme ist KI-generiert. Recherche, Skript und Abnahme verantwortet die Redaktion von Landmarke Horizont.
- Alle Beteiligten sind seit Jahrzehnten verstorben. Den Namen eines damals minderjährigen Zeugen nennen wir nicht.
- Karten im Video: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), heutiger Stand.
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Landmarke Horizont (2026): Der Daumen auf der Geldkassette. Fall gelöst, Folge 1 (FG-001). https://landmarke-horizont.de/fall-geloest/1905-deptford/