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Aktenzeichen
FG-003
Ort
Slough und London, England
Jahr
1845
Dauer
9:29
Quellen
31, davon 6 primär

Der Mann im Quäkermantel

Neujahr 1845: Nach einem Giftmord in Salt Hill steigt ein Mann in Quäkertracht in den Zug nach London. Doch entlang der Gleise laufen zwei Drähte – und die Nachricht ist schneller als der Zug.

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Mitschrift · FG-003

Der Fall zum Nachlesen

Kaltstart

Am Abend des Neujahrstags 1845 fuhr ein Zug von Slough nach London. In einem Abteil erster Klasse saß ein älterer Herr in Quäkertracht. Er war auf der Flucht.1,2

Doch neben den Gleisen liefen zwei Drähte. Und die Nachricht, wer er war und wo er saß, kam in London an, bevor sein Zug es tat.1,2

Ort und Zeit

Karte: Bahnhof Slough, an der Great Western Railway (heutiger Stand)
Karte · Bahnhof Slough, an der Great Western Railway Karte: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), heutiger Stand

Slough lag rund achtzehn Meilen westlich von London an der Great Western Railway. Entlang der Strecke hatte die Bahngesellschaft einen elektrischen Telegrafen gebaut, zunächst bis West Drayton, 1843 verlängert bis Slough.3,4,1,5

Die Geräte stammten von Cooke und Wheatstone: Zeigertelegrafen mit zwei Nadeln, die auf Buchstaben deuteten. Beide Apparate, der aus Slough und der aus Paddington, stehen heute im Science Museum in London.6,4,7 Die Anlage wurde damals gegen Eintritt als technische Attraktion vorgeführt.8,3,9

Zwei Leben

Personenkarte: Sarah Hart, geborene Hadler, Mutter zweier Kinder, etwa 30 Jahre
Sarah Hart · geborene Hadler, Mutter zweier Kinder

Sarah Hart, eigentlich Sarah Hadler, war etwa dreißig Jahre alt. Ihre Mutter lebte in Gravesend. Um 1838 war sie als Pflegerin in einen Londoner Haushalt gekommen, zur kranken Frau eines wohlhabenden Mannes.10,11,12,13

Nach dem Tod der Frau wurde sie von ihrem Dienstherrn schwanger. Sie bekam zwei Kinder von ihm. Er zahlte etwa ein Pfund pro Woche, hielt die Beziehung aber geheim und ließ sie schließlich nach Salt Hill ziehen, nahe Slough. Dort kannte man ihn nur als „Mister Talbot“.11,10,1

Personenkarte: John Tawell, Kaufmann und früherer Apotheker, 1784–1845
John Tawell · Kaufmann und früherer Apotheker

Sein wirklicher Name war John Tawell. 1814 hatte er sich am Old Bailey schuldig bekannt, eine gefälschte Banknote besessen zu haben, und war zu vierzehn Jahren Deportation verurteilt worden. Die oft erzählte Geschichte von einem Todesurteil, das umgewandelt worden sei, stimmt nicht; es gab keines.14,15,16

In Sydney wurde Tawell Apotheker und Drogist, kam zu Vermögen und kehrte 1838 nach England zurück.17,11,1 Er trug die Kleidung der Quäker und besuchte ihre Andachten. Mitglied war er aber nicht mehr: Die Gemeinschaft hatte ihn einst ausgeschlossen und nicht wieder aufgenommen.16,11,17 Um 1841 heiratete er eine verwitwete Quäkerin und lebte mit ihr in Berkhamsted.1,11,10

Von Sarah Hart und den Kindern sollte seine Frau nichts erfahren. Zugleich waren seine Einkünfte aus Australien seit einer Wirtschaftskrise dort deutlich geschrumpft.11,16 Schon Ende September 1844 war Sarah Hart nach einem Besuch Tawells plötzlich übel geworden; sie erholte sich. Ob er damals schon einen Anschlag versucht hatte, hielt der Richter später nicht für bewiesen.10,11

Neujahr 1845

Datum: 1. Januar 1845 – Mittwoch, Salt Hill bei Slough
1. Januar 1845 · Mittwoch, Salt Hill bei Slough

Am Neujahrstag 1845 kaufte Tawell in einer Londoner Apotheke eine kleine Menge verdünnte Blausäure, angeblich zur äußerlichen Anwendung.11,18 Am Nachmittag fuhr er nach Slough und ging zu Sarah Harts Häuschen. Eine Nachbarin sah ihn ankommen.11,10

Gegen halb sieben holte Sarah Hart im Gasthaus nebenan eine Flasche Stout. Zeugen beschrieben sie als gesund und gut gelaunt; sie habe einen Freund zu Besuch.1,11

Wenig später hörte die Nachbarin, Mary Ashlee, einen erstickten Schrei. Sie ging mit einer Kerze hinaus und sah einen Mann in Quäkertracht aus dem Garten kommen, der das Tor nicht aufbekam. Sie öffnete es ihm. Er sagte nichts.1,11,10

Im Haus fand sie Sarah Hart sterbend. Ein Wundarzt kam kurz vor sieben; Sarah Hart starb gleich darauf. Ihre beiden kleinen Kinder blieben unverletzt.1,11,16

Die Nachricht

Ermittlungsnotiz: 1. Mann in Quäkertracht verlässt den Garten; 2. Vikar sieht ihn am Bahnhof Slough; 3. Zug um 19:42 Uhr nach Paddington
Ermittlungsnotiz

Der Mann nahm einen Umweg, ließ sich im Omnibus Richtung Eton fahren und ging dann zum Bahnhof.11,10 Dort sah ihn der Vikar des Nachbarorts, der vom Geschehen gehört hatte und ahnte, dass der Fremde mit der Bahn fliehen würde. Er sprach mit dem Stationsvorsteher.1,10 Um 19 Uhr 42 fuhr der Zug ab, Tawell saß in der ersten Klasse.1,2,10

Zitat: „Ein Mord ist soeben in Salt Hill verübt worden … Er trägt die Kleidung eines Quäkers, mit einem braunen Überrock, der ihm fast bis zu den Füßen reicht; er sitzt im letzten Abteil des zweiten Wagens erster Klasse.“ – Telegramm Slough–Paddington, nach Illustrated London News, 11.1.1845 (übersetzt)
Telegramm Slough–Paddington, nach Illustrated London News, 11.1.1845 (übersetzt)

Kaum war der Zug fort, ging die Beschreibung per Telegraf nach Paddington. Die Illustrated London News druckte den Wortlaut wenige Tage später, übersetzt: Ein Mord sei soeben in Salt Hill verübt worden. Der Verdächtige trage Quäkertracht und einen langen braunen Überrock und sitze im letzten Abteil des zweiten Wagens erster Klasse.1,2,19

Das Gerät hatte keine Taste für das Q. Das Wort „Quaker“ musste also anders buchstabiert werden.1,20,3 Die berühmte Fassung in Großbuchstaben mit „Kwaker“, die heute oft zitiert wird, findet sich allerdings in keiner Quelle von 1845. Auch die Geschichte, Paddington habe mehrmals nachgefragt, taucht erst Jahrzehnte später auf; ob sie stimmt, ist offen.1,2,7,21,22

Die Beschattung

Zeitleiste: 18:30 Stout im Gasthaus; 19:42 Zug ab Slough; 20:30 Ankunft Paddington; 21:15 Aussteigen an der Bank
Zeitleiste

Gegen halb neun kam der Zug in Paddington an. Ein Mitarbeiter zeigte Sergeant William Williams von der Bahnpolizei den Mann, auf den die Beschreibung passte.23,1,11

Williams nahm ihn nicht fest. Er zog einen Mantel über, stieg auf denselben Omnibus und fuhr als Schaffner mit. Er kassierte von Tawell sogar sechs Pence Fahrgeld, ohne erkannt zu werden.11,2,24

Nach Slough ging die Antwort, ebenfalls per Telegraf, übersetzt: Ein Mann, auf den die Beschreibung in jeder Hinsicht passe, sei aus dem genannten Abteil gestiegen. Man habe ihn Sergeant Williams gezeigt, und beide säßen jetzt im selben Omnibus.1,7,19

Tawell stieg nahe der Bank of England aus, holte im Jerusalem Coffee House seinen Mantel ab und ging in eine Unterkunft. Williams folgte ihm.11,2 Festgenommen wurde Tawell nicht am Bahnhof und nicht an diesem Abend, wie es oft heißt, sondern am nächsten Morgen, dem 2. Januar, im Jerusalem Coffee House.11,16,1

Der Beweis

Zitat: „Meine Stellung in der Gesellschaft stellt mich über jeden Verdacht.“ – Tawell bei der Festnahme, nach Inspector Wiggins (übersetzt)
Tawell bei der Festnahme, nach Inspector Wiggins (übersetzt)

Tawell bestritt, in Slough gewesen zu sein. Seine Stellung in der Gesellschaft, sagte er, stelle ihn über jeden Verdacht.11,1 Schon einen Tag später erzählte er einem Polizeibeamten, Sarah Hart habe sich vor seinen Augen selbst vergiftet. Damit hatte er zugegeben, dort gewesen zu sein.11,10

Die Leichenschau begann noch am 2. Januar. Ein Londoner Chemiker wies Blausäure im Magen nach. Später sagte der Apothekengehilfe aus, der Tawell die Säure verkauft hatte; das Verkaufsbuch belegte den Kauf.25,1,11 Die Geschworenen der Leichenschau erkannten auf vorsätzlichen Mord.1

Datum: 12. bis 14. März 1845 – Frühjahrsassisen, Aylesbury
12. bis 14. März 1845 · Frühjahrsassisen, Aylesbury

Im März 1845 stand Tawell in Aylesbury vor Gericht. Sein Verteidiger, Fitzroy Kelly, griff den chemischen Nachweis an: Die Blausäure könne aus Äpfeln stammen, die Sarah Hart gegessen habe.11,18,26,10,27 Dagegen sprach, dass im Magen keine Apfelkerne gefunden wurden und Kerne von fünfzehn Äpfeln im Versuch nur eine Spur ergaben.10,11

Nach etwa einer halben Stunde Beratung sprachen die Geschworenen Tawell am 14. März des Mordes schuldig. Das Urteil lautete auf Tod.11,16,26 Vor der Hinrichtung gestand er dem Gefängniskaplan die Tat; den Wortlaut hat nie jemand veröffentlicht.11,28,29 Am 28. März 1845 wurde John Tawell in Aylesbury hingerichtet.28,29,16

Nachklang

Verurteilt wurde Tawell nicht wegen des Telegramms, sondern wegen der Zeugin am Gartentor, seiner Lügen, des Kaufs in der Apotheke und der chemischen Analyse. Der Telegraf sorgte dafür, dass man ihn überhaupt fand.11,1,10 So sah es auch die Times: Ohne die Hilfe des elektrischen Telegrafen in Slough und Paddington, schrieb sie, wäre die Festnahme nur mit größter Mühe und Verzögerung gelungen.1,20

Für die öffentliche Wahrnehmung des Telegrafen war der Fall ein Einschnitt. Die Presse hob hervor, dass die Nachricht den fahrenden Zug überholt hatte.1,2 Ein Mitreisender soll Monate später auf die Leitungen gezeigt und gesagt haben, das seien die Drähte, die John Tawell gehängt hätten.2,30,31,9

Quellen

Die hochgestellten Zahlen in der Mitschrift verweisen auf diese Liste. Englische Zitate haben wir übersetzt.

  1. 1 Illustrated London News, 11. Januar 1845 (Vol. 6, Nr. 141): 'The Murder at Salt-Hill. – The Electro-Magnetic Telegraph' und Inquest-Bericht PrimärquelleThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-01-11
  2. 2 Stokers and Pokers; or, The London and North-Western Railway, the Electric Telegraph, and the Railway Clearing-House PrimärquelleSir Francis Bond Head, London: John Murray, 1849
  3. 3 Cooke and Wheatstone telegraph NachschlagewerkWikipedia, 2026
  4. 4 Cooke and Wheatstone double needle telegraph, 1844 (Objekt 1876-1275, Paddington) NachschlagewerkScience Museum Group Collection, 1844
  5. 5 Slough railway station NachschlagewerkWikipedia, 2026
  6. 6 Cooke and Wheatstone's double needle telegraph, 1844 (Objekt 1876-1276, Slough) NachschlagewerkScience Museum Group Collection, 1844
  7. 7 The Telegraphic Journal and Electrical Review, 15. Juni 1876 (Vol. 4, Nr. 81): Bericht über die Loan Collection PresseThe Telegraphic Journal and Electrical Review, 1876-06-15
  8. 8 Advertisement placard for the exhibition of Cooke and Wheatstone's telegraph, c. 1845 (Objekt 1876-1350) NachschlagewerkScience Museum Group Collection, 1845
  9. 9 The Victorian Internet: The Remarkable Story of the Telegraph and the Nineteenth Century's On-line Pioneers SekundärliteraturTom Standage, London: Phoenix (Ausgabe 1999; Erstausgabe 1998), 1999
  10. 10 Trial of John Tawell for the murder of Sarah Hart by prussic acid: with remarks PrimärquelleD. Skae, M.D., F.R.C.S. (Edinburgh, Sonderdruck), Digitalisat Wellcome/RCS via Internet Archive, 1845
  11. 11 Reports of Trials for Murder by Poisoning ... including the trials of Tawell ... (Kapitel II: Trial of John Tawell) PrimärquelleG. Lathom Browne & C. G. Stewart, London 1883 (Project Gutenberg #50636, via Internet Archive), 1883
  12. 12 The Times, 16. Januar 1845 (Nr. 18822) PresseThe Times (Digitalisat Internet Archive, Volltext zugangsbeschränkt), 1845-01-16
  13. 13 The Times, 14. März 1845 (Nr. 18871): Prozessbericht Aylesbury PresseThe Times (Digitalisat Internet Archive, Volltext zugangsbeschränkt), 1845-03-14
  14. 14 JOHN TAWELL. Royal Offences; coining offences. 16th February 1814 (Old Bailey, t18140216-58 und t18140216-59) PrimärquelleOld Bailey Proceedings (Datenschnittstelle des Digital Humanities Institute, Sheffield), 1814-02-16
  15. 15 Convict John Tawell NachschlagewerkConvict Records of Australia, 2026
  16. 16 Illustrated London News, 22. März 1845 (Vol. 6, Nr. 151): 'The Murder at Salt Hill' und 'Close of the Trial, and Verdict of Guilty' PresseThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-03-22
  17. 17 John Tawell (1784–1845) SekundärliteraturThe Glebe Society (Lyn Collingwood), 2026
  18. 18 Illustrated London News, 15. März 1845 (Vol. 6, Nr. 150): 'Trial of John Tawell for the Murder of Sarah Hart at Salt Hill' PresseThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-03-15
  19. 19 How the railway telegraph helped arrest a murderer in 1845 SekundärliteraturIanVisits (Ian Mansfield), 2026
  20. 20 John Tawell – The Man Hanged by the Electric Telegraph SekundärliteraturUniversity of Salford, Computer Networking and Telecommunications Research (archivierte Seite, Stand 2015), 2015
  21. 21 The Evening Telegraph, 4. April 1870 PresseThe Evening Telegraph (Philadelphia), 1870-04-04
  22. 22 Heroes of the Telegraph SekundärliteraturJohn Munro, London: Religious Tract Society, 1891
  23. 23 The Sunday Times, 5. Januar 1845 (Nr. 1159): 'Suspected Murder. Member of the Society of Friends in Custody' PresseThe Sunday Times (Digitalisat Internet Archive, Volltext zugangsbeschränkt), 1845-01-05
  24. 24 John Tawell NachschlagewerkWikipedia, 2026
  25. 25 Illustrated London News, 4. Januar 1845 (Vol. 6, Nr. 140): 'Supposed Murder at Salt Hill' PresseThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-01-04
  26. 26 John Tawell 'The Man Hanged by the Electric Telegraph' SekundärliteraturCapital Punishment UK, 2026
  27. 27 Remarks and comments on the medical and chemical evidence adduced at the trial of John Tawell PrimärquelleG. L. Strauss, London: G. J. Palmer (Digitalisat Royal College of Physicians via Internet Archive), 1845
  28. 28 Illustrated London News, 29. März 1845 (Vol. 6, Nr. 152): 'Execution of Tawell' und 'A Sketch of Tawell's History' PresseThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-03-29
  29. 29 Illustrated London News, 5. April 1845 (Vol. 6, Nr. 153): 'The Execution of Tawell' / 'The Murderer Tawell (further particulars)' PresseThe Illustrated London News (Digitalisat Internet Archive), 1845-04-05
  30. 30 Notes and Queries, 26. März 1904 (10th ser., Vol. 1, Nr. 13): 'Mannings and Tawell' SekundärliteraturNotes and Queries, 1904-03-26
  31. 31 The Electric Telegraph, Telecommunications Wonder of the Railway Age: 1791 to 1852 SekundärliteraturThe Victorian Web (Philip V. Allingham), 2026

Hinweise

  • Die Erzählstimme ist KI-generiert. Recherche, Skript und Abnahme verantwortet die Redaktion von Landmarke Horizont.
  • Alle Beteiligten sind seit über 175 Jahren verstorben. Die Kinder von Sarah Hart nennen wir nicht beim Namen.
  • Die Bilder sind Standbilder aus dem Video: Karten, Daten, Zitate und Notizen, keine Nachstellungen. Karten: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), heutiger Stand.
  • Fehler gefunden? Schreib uns an kontakt@landmarke-horizont.de. Korrekturen vermerken wir hier.

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